The “surge” of a glacier - Warum auf Svalbard noch einige Gletscher vorstoßen und dennoch nicht wachsen
Bild & Text: André Baumeister
Borebreen - Svalbard, Juni 2026
Als wir mit der Ulla Rinman im Rahmen unseres Polarlehrerprojekts in den Isfjord einlaufen, hängt eine hohe, gleichförmige Wolkendecke über den Bergen, die wie so oft jenes diffuse Licht erzeugt, in dem man auf Svalbard regelmäßig die Distanzen unterschätzt.Was aussieht wie eine halbe Stunde Weg, entpuppt sich regelmäßig als zwei. Und was wie eine ruhige weiße Fläche wirkt, ist bei näherem Hinsehen ein bewegter Körper aus Eis, dessen Front sich gegenwärtig langsam, aber unverkennbar Richtung Fjord schiebt: der Borebreen.
Wer nach Svalbard reist, um Gletscher zu sehen, muss sich in der Regel darauf einstellen, ihnen beim Verschwinden zuzuschauen. Nahezu alle Gletscher hier ziehen sich zurück, kalben in offene, längst nicht mehr eisbedeckte Buchten und hinterlassen jene neu freigelegten Vorfeldlandschaften, die für Geomorphologen faszinierend sind, alle anderen Besucher eher melancholisch stimmen. Der Borebreen ist eine bemerkenswerte Ausnahme. Er ist ein Surge-Glacier, ein sogenannter "vorstoßender" Gletscher – und genau hier beginnt der Widerspruch, den man vor Ort erst richtig begreift: Er stößt vor, ohne zu wachsen.
Das klingt zunächst kontraintuitiv, folgt aber einer eigenen Logik. Ein Surge ist kein Zeichen von Zuwachs, sondern von Umverteilung. Während seiner ruhigen, oft jahrzehnte- bis jahrhundertelangen Phase sammelt ein Surge-Gletscher im Nährgebiet Masse an, die im Zehrgebiet nicht in gleichem Maße abfließt – die Eisdynamik bleibt gebremst, das Bett zäh, der Wasserabfluss ineffizient. Irgendwann kippt das System: Schmelzwasser sammelt sich unter dem Gletscher, der Untergrund verliert Reibung, und die aufgestaute Masse setzt sich in Bewegung. Ein Surge ist im Grunde ein glaziologisches Ventil.
Am Borebreen lässt sich das derzeit beispielhaft studieren. Sein letzter dokumentierter Surge liegt rund hundert Jahre zurück; seit 2018 beschleunigt er sich wieder deutlich. Die durchschnittliche Fließgeschwindigkeit im Sommer, zuvor bei etwa 0,6 Metern pro Tag, hatte sich bis 2023 auf rund 2,4 Meter pro Tag mehr als vervierfacht. Das ist, für einen Gletscher, das Äquivalent eines eiligen Spaziergangs – gemessen in geologischen Zeitskalen aber ein Sprint. Auffällig ist, dass die Beschleunigung am Terminus begann und sich seither nach oben in den Gletscher hinein fortpflanzt, was für die Erforschung der Surge-Mechanik eine interessante Umkehrung des bislang häufiger beobachteten Musters darstellt.
Satellitenbilder des Borebreen von 2019 (oben links) bis 2026 (unten rechts) (European Space Agency 2026)
Rund einundzwanzig Prozent aller Gletscher auf Svalbard gelten als Surge-Type. Ihre Zyklen liegen typischerweise bei mehreren Dutzend bis über hundert Jahren, sind aber weder gleichförmig noch vollständig verstanden. Neuere Auswertungen von Satellitendaten deuten darauf hin, dass die Surge-Aktivität auf dem Archipel seit etwa 2016 fast auf das Dreifache angestiegen ist – ein Befund, der die alte Vorstellung vom Surge als rein intern getriebenem Phänomen mindestens ergänzungsbedürftig macht. Vermutlich mischt sich die klimatische Erwärmung, mit ihrem verlängerten Schmelzsommer und dem verstärkten Eintrag von Wasser ins Gletscherbett, in eine Dynamik ein, die früher als weitgehend autonom galt.
Vor der Front des Borebreen wird all das anschaulich. Die Bruchkanten, das frisch aufgeschobene Sediment, die charakteristische chaotische Oberflächenstruktur eines aktiv arbeitenden Gletschers – das ist nicht der stille, sich zurückziehende Eismassenkörper, den man von den meisten anderen Fronten kennt. Es ist ein Gletscher im Modus des Vorstoßes.
Und hier liegt das eigentlich Besondere dieses Moments. Wer heute vor dem Borebreen steht, sieht etwas, das andernorts längst historisch geworden ist: einen vorstoßenden Gletscher in einer Landschaft, in der ansonsten fast ausschließlich Rückzug dokumentiert wird. Es ist beinahe eine Zeitreise in jene Epoche der Kleinen Eiszeit zwischen dem späten Mittelalter und dem frühen zwanzigsten Jahrhundert, in der Gletscher in weiten Teilen Europas und der Arktis vorstießen, Almen begruben, Fjorde füllten und ganze Talschaften umformten. In der Alpenmalerei des neunzehnten Jahrhunderts finden sich solche Bilder noch – bedrohliche, aktive, ins Tal drängende Zungen. Vor dem Borebreen wird für einen Moment sichtbar, wie das ausgesehen haben muss.
Nur, dass diese Erinnerung heute selten geworden ist. Und dass sie, auf ihre Weise, nichts über eine Rückkehr des Klimas erzählt, sondern über die Ausnahme, die die Regel bestätigt.
Borebreen vom Gipfel des Syltoppen im Juli 2025. Die vorgelagerte Insel wurde in diesem Jahr bereits vollständig vom Gletscher überfahren
Quellen:
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